FOKUS

#sozialstaatsreform

Der deutsche Sozialstaat ist an seine Belastungsgrenze gelangt: Mit 42,3 Prozent liegt der Gesamtbeitragssatz zur Sozialversicherung inzwischen auf Rekordniveau und könnte in den kommenden 20 Jahren auf bis zu 50 Prozent steigen. Gleichzeitig reichen die Steuereinnahmen längst nicht mehr aus, um die Ausgaben der Gebietskörperschaften zu decken. Die derzeit fast ungebremste Aufnahme neuer Schulden ist dabei kein Ausweg, sondern eine Sackgasse. Für den Wirtschaftsstandort Deutschland und damit Millionen von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern ist der drohende Belastungsanstieg durch steigende Steuern und Abgaben eine fatale Perspektive. Gleichzeitig gefährden zahlreiche weitere Herausforderungen – darunter hohe Energiepreise, stagnierendes Wachstum, nachlassende Innovationsfähigkeit, geopolitische Spannungen und unsichere Handelsbeziehungen – Wohlstand und wirtschaftliche Dynamik.

Die Reaktion der neuen Bundesregierung auf diese Herausforderungen fällt bisher eher mutlos und ambivalent aus. Einerseits wurden wiederholt grundlegende Reformen angekündigt und in nahezu allen zentralen sozialpolitischen Bereichen Reformkommissionen eingesetzt, die politisch umsetzbare Lösungsvorschläge erarbeiten sollen. Andererseits haben die Regierungsfraktionen im ersten Regierungsjahr – gegen den ausdrücklichen Rat zahlreicher Expertinnen und Experten – mehrere kostspielige Maßnahmen beschlossen, die die Probleme verschärfen, statt sie zu lösen. Besonders deutlich wird dies am Beispiel der Rentenreform.

Ein „Weiter so“ ist daher keine Option. Inzwischen scheint auch in der Politik die Botschaft angekommen zu sein, dass ein ausufernder Sozialstaat mit weiter steigenden finanziellen Belastungen nicht nur die Interessen der jungen und zukünftigen Generationen massiv verletzt, sondern die Wettbewerbsfähigkeit unseres Wirtschaftsstandorts insgesamt gefährdet. Gelingt es in den kommenden Wochen und Monaten unter Berücksichtigung der Ergebnisse der Reformkommissionen, zielführende Reformen in den Bereichen Gesundheit, Pflege und Altersvorsorge auf den Weg zu bringen, die dem ungebremsten Anstieg der Beitragssätze entgegenwirken, wäre viel gewonnen. Als zentrale Ansatzpunkte für konkrete Reformschritte bieten sich an:

  • Eine sukzessive schrittweise Erhöhung des gesetzlichen Renteneintrittsalters, beispielsweise durch seine Kopplung an die Entwicklung der ferneren Lebenserwartung.
  • Dämpfung des jährlichen Anstiegs der Renten gegenüber der Lohnentwicklung, z.B. durch eine Kopplung der Rentenerhöhungen für Bestandsrenten an die Inflationsrate oder durch eine Wiedereinführung des Nachhaltigkeitsfaktors.
  • Stärkung der Eigenverantwortung und (finanziellen) Vorsorge in den Bereichen Gesundheit und Pflege, beispielsweise durch die Einführung einer Kontaktgebühr im ambulanten Bereich, höhere Zuzahlungen oder einer Karenzzeit in der Pflegeversicherung.
  • Stärkung des Wettbewerbs in allen Bereichen des Gesundheitssystems, um Kosteneinsparungen durch das Heben von Effizienzreserven zu realisieren, aber auch um Qualitätsverbesserungen bei der medizinischen Versorgung zu erzielen.
  • Stärkung kapitalgedeckter Elemente in allen Sozialversicherungszweigen, insbesondere aber in der Sozialen Pflegeversicherung.

Weitere Informationen zu den zentralen Herausforderungen unseres Sozialstaates sowie sinnvollen und weniger sinnvollen Reformoptionen finden sich in vielen unserer Publikationen. Hier eine Auswahl:

#sozialstaatsreform, Publikation
Mehr Realismus in der Rentenpolitik – Reformoptionen in einer alternden Gesellschaft

Obwohl mit dem im Jahr 2004 eingeführten Nachhaltigkeitsfaktor ein Weg gefunden wurde, die fiskalischen Auswirkungen des demografischen Wandels auf die Rentenversicherung zumindest partiell abzufedern, plante die Bundesregierung unter Olaf Scholz mit dem Rentenpaket II einen signifikanten Kurswechsel, der zu erheblichen Beitragssatzsteigerungen geführt hätte. Nach dem Bruch der Ampel Koalition – und damit auch dem Zerplatzen dieser Reformpläne – Anfang November, haben wir über den Zustand unseres Rentensystems diskutiert bzw. ob und welcher Reformen es bedarf. Erfolgreich ist Rentenpolitik vor allem dann, wenn sie sowohl bei Beitragszahlern als auch Rentenempfängern auf eine breite gesellschaftliche Akzeptanz stößt. In einer sich dynamisch verändernden Welt muss das Spannungsfeld von Lebensstandardsicherung, Solidarität, Finanzierbarkeit und Generationengerechtigkeit immer wieder neu austariert und konstruktiv um zukunftsorientierte Reformen gerungen werden.

#sozialstaatsreform, Publikation
Gesundheitspolitik im Stresstest – die Herausforderungen werden größer

Dem deutschen Gesundheitswesen stehen schwierige Zeiten bevor. Zu vieles wurde jahrelang verschleppt und beiseitegeschoben. Ein Dickicht an lautstarken Partikularinteressen sowie die in einigen Fällen geteilten politischen Verantwortlichkeiten zwischen Bund und Ländern tragen dazu bei, dass stabilisierende, nachhaltige Reformmaßnahmen gebremst oder gar nicht erst angegangen werden.

Mittlerweile ist der gesundheitspolitische Reformstau unübersehbar. Er zeigt sich u.a. in einem trägen Modernisierungs- und Digitalisierungsprozess der medizinischen Versorgungsstrukturen, einem sich immer stärker abzeichnenden Fachkräftemangel beim medizinischen Personal sowie in regelmäßig diagnostizierten Effizienzmängeln, die nicht nur die medizinische Behandlungsqualität beeinträchtigen, sondern auch den allgegenwärtigen Kostendruck im Gesundheitsbereich befördern.

Erneut stehen deutliche Beitragssatzsteigerungen in der Gesetzlichen Krankenversicherung im Raum und Besserung ist nicht in Sicht. Im Gegenteil: Durch die voranschreitende Bevölkerungsalterung ist ein weiteres Auseinanderdriften von Einnahmen und Ausgaben bereits vorprogrammiert. Wie die wachsende Finanzierungslücke geschlossen werden und der Spagat zwischen einer hochwertigen medizinischen Versorgung und einer ökonomisch tragfähigen Finanzierung gelingen kann, ist eines der zentralen gesundheitspolitischen Probleme, auf das politisch bislang keine überzeugende Antwort gegeben wurde. An anderen Stellen – etwa im Bereich der Krankenhausversorgung – wird zumindest um Veränderungen gerungen. Doch sind die Reformvorschläge zielführend und ausreichend? Und welche weiteren Maßnahmen und Weichenstellungen sind notwendig, um eine gute medizinische Versorgung für alle Bürgerinnen und Bürger sicherzustellen und diese – trotz demografischem Wandel – langfristig bezahlbar zu gestalten?

Diese und weitere Fragen haben wir auf unserer Veranstaltung „Gesundheitspolitik im Stresstest – die Herausforderungen werden größer“ am 4.6.2024 im Deutschen Bundestag diskutiert mit Karl-Josef Laumann MdL (Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen), Prof. Dr. Christian Hagist (Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialpolitik an der WHU – Otto Beisheim School of Management, Vallendar), Tino Sorge MdB (Gesundheitspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion), Prof. Dr. Andrew Ullmann MdB (Gesundheitspolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion), Johannes Wagner MdB (Mitglied im Gesundheitsausschuss für die Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen) und Prof. Dr. Berthold U. Wigger (Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und Mitglied des Kronberger Kreis). Die Veranstaltung wurde von Dr. Ursula Weidenfeld (Wirtschaftsjournalistin) moderiert.

#sozialstaatsreform, Publikation
Steuerfinanzierung der Sozialversicherungen?

Eine dauerhafte Erhöhung der Steuerzuschüsse zur Stabilisierung der durch den demografischen Wandel unter Druck geratenen Sozialversicherungen führt zu einer weitreichenden Lastenverschiebung, ohne die Lasten insgesamt zu verringern.

Das Äquivalenzprinzip stellt die Trennung von Beitrags- und Steuermitteln sicher, verhindert unsystematische Umverteilungen und erhöht die Transparenz der öffentlichen Finanzen. Für die Beitragszahler wird der direkte Zusammenhang zwischen ihren Beiträgen und den ihnen zustehenden Leistungen sichtbar, was das Gerechtigkeitsempfinden und die Transparenz des Systems erhöhen. Die Teilhabeäquivalenz fördert zudem die Eigenverantwortung der Versicherten, da sie für die Höhe ihrer späteren Leistungen mitverantwortlich sind.

Eine seit Jahren kurzsichtige Haushaltspolitik hat immer wieder zu einer Vermischung von Steuer- und Beitragsmitteln geführt, was die Prinzipien der Sozialversicherungen auf den Kopf stellt. Komplizierte und intransparente Umverteilungsstrukturen sind die Folge. Dadurch entsteht eine Finanzierungsillusion, in dem der Eindruck erweckt wird, die Kosten der Sozialversicherung lägen immer auf dem Niveau der Beitragssätze. Da die Höhe der Steuerzuschüsse in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wird, lassen sich Leistungsausweitungen leichter bewerkstelligen.

Wenn die Politik die sozialen Sicherungssysteme nachhaltig finanzieren möchte, wird sie um Strukturreformen – wie ein höheres Renteneintrittsalter und mehr Eigenverantwortung in der Gesetzlichen Krankenversicherung und Sozialen Pflegeversicherung – nicht herumkommen.

#sozialstaatsreform, Publikation
Niedrigere Lohnnebenkosten durch eine Erhöhung der Mehrwertsteuer? Eine nur vordergründig charmante Idee

Hohe Lohnnebenkosten belasten die deutsche Wirtschaft und wirken sich negativ auf den Arbeitsmarktaus. In den kommenden Jahren ist mit einer deutlichen Problemverschärfung zu rechnen, da die Ausgaben – und damit auch die Beitragssätze – der Sozialversicherungen infolge der voranschreitenden Bevölkerungsalterung stark steigen werden.

Der Vorschlag, einen größeren Teil der heute hauptsächlich über lohnbezogene Beiträge finanzierten Sozialversicherungsausgaben durch indirekte Steuern zu ersetzen, hat auf den ersten Blick einen gewissen Charme. Da die Mehrwertsteuer als Konsumsteuer  anders als lohnbezogene Beiträge  keinen direkten Einfluss auf die Kostenstruktur der Unternehmen hat und zudem Exportgüter nicht belastet, erhoffen sich die Befürworter einer solchen Reform eine Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit sowie eine Belebung des Arbeitsmarktes.

Bei näherer Betrachtung zeigen sich jedoch zahlreiche Probleme einer solchen Reform. Unter anderem ist es illusorisch anzunehmen, dass der zu erwartende Ausgabendruck in den Sozialversicherungen durch Mehrwertsteuererhöhungen dauerhaft kompensiert werden kann. Zudem käme es beim Tausch Beitrags- gegen Steuerzahlungen zu einer beträchtlichen Aufweichung des Äquivalenzprinzips sowie zu neuen Verschiebebahnhöfen zwischen den Gebietskörperschaften und den Sozialversicherungen. Darüber hinaus würden die regressiven Verteilungswirkungen wohl zahlreiche Partikularinteressen auf den Plan rufen, was zu neuen Ausnahmeregelungen und einer weiteren unsystematischen Komplexitätszunahme bei der Mehrwertsteuer führen dürfte sowie neuen wachstumsfeindlichen Umverteilungsmaßnahmen den Boden bereiten könnte.

Statt auf kurzsichtige Behelfsmaßnahmen auf der Einnahmenseite zu setzen, sollten die notwendigen Strukturreformen in den Sozialversicherungen konsequent angegangen werden.

#sozialstaatsreform, Publikation
Fiskalische Nachhaltigkeit des Sozialstaates – Der Sozialabgabengedenktag 2025

Parallel zum Ausbau des Sozialstaates in den zurückliegenden Jahrzehnten wuchsen die finanziellen Belastungen der Bürgerinnen und Bürger durch Steuern und Sozialversicherungsbeiträge. Da ein beträchtlicher Teil der staatlichen Sozialleistungen altersabhängig ist, wird die Bevölkerungsalterung das Spannungsverhältnis zwischen sozialstaatlichen Leistungsausweitungen und steigenden Abgabenbelastungen weiter verschärfen. Ein anschaulicher Indikator für diese finanzielle Belastung durch den Sozialstaat sind die Gedenktage der sozialen Sicherung, die 2025 Jahr zum zweiten Mal von der Stiftung Marktwirtschaft in Zusammenarbeit mit dem Forschungszentrum Generationenverträge ermittelt wurden.

#sozialstaatsreform, Sonstiger Beitrag
Titelseite des Papiers mit Text und einer Abbildung zur demographischen Entwicklung
Reformbaustelle Rentenpolitik

Was müsste in der Rentenpolitik getan werden, um die Gesetzliche Rentenversicherung (GRV) zukunftsfest zu machen? Dieser Frage geht Dr. Guido Raddatz in einem Meinungsbeitrag nach und wirft dabei auch einen kritischen Blick auf die aktuellen Reformpläne und das Rentenpaket 2025 der Bundesregierung.

Zum Download des Beitrags „Reformbaustelle Rentenpolitik“.

#sozialstaatsreform, Publikation
Reform des Sozialstaats

Im deutschen Sozialstaat sind die Ausgaben für Sozialleistungen über Jahrzehnte schneller gewachsen als das BIP. Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht abzusehen. Die zur Finanzierung notwendigen Mittel belasten Arbeitnehmer und Unternehmen, mit gravierenden Folgen für die Attraktivität des Wirtschaftsstandorts. Nur durch entschlossenes Gegensteuern lässt sich verhindern, dass der Sozialstaat in Zukunft unsere wirtschaftliche Leistungsfähigkeit überfordert und damit sein eigenes Fundament untergräbt:

  • Arbeitsmarkt und Bürgergeld: Neben der geplanten
    Reform des Bürgergeldes bedarf es weiterer Anpas-
    sungen an den Schnittstellen zu anderen Grundsiche-
    rungssystemen, in der Arbeitsvermittlung, im Bildungs-
    system, in der Arbeitsmarktregulierung sowie in der
    Mindestlohnpolitik.
  • Gesetzliche Rentenversicherung: Notwendig sind Maß-
    nahmen, um die Beschäftigten länger im Arbeitsmarkt
    zu halten und den in der Vergangenheit zu beobachten-
    den starken Anstieg der durchschnittlichen Rentenbe-
    zugsdauer zu bremsen (vgl. Abbildung). Dazu gehören
    die Kopplung des gesetzlichen Renteneintrittsalters an
    die Entwicklung der Lebenserwartung und eine Verrin-
    gerung von Anreizen für ein vorzeitiges Ausscheiden aus
    dem Arbeitsmarkt. Zudem sollte die betriebliche und
    private kapitalgedeckte Altersvorsorge gestärkt sowie
    der Nachhaltigkeitsfaktor vollständig reaktiviert werden.
  • Gesetzliche Krankenversicherung: Die Effizienz des
    Gesundheitssystems sollte durch den Abbau von
    Fehlanreizen und die Stärkung von Eigenverantwortung
    gesteigert werden, z.B. durch höhere Selbstbeteiligung,
    mehr Wettbewerb sowie eine bessere Nutzung von
    Digitalisierungspotentialen.
  • Soziale Pflegeversicherung: Auch hier sind Eigenver-
    antwortung und private Vorsorge zu stärken, u.a. durch
    ein Karenzjahr zu Beginn der Pflegebedürftigkeit sowie
    eine ergänzende Kapitaldeckung.

Ohne weitreichende Reformen wird der deutsche Sozial-
staat dauerhaft keinen Bestand haben können: Um ihn zu
erhalten, müssen wir ihn reformieren.

#aufruf_rente, #sozialstaatsreform
Ehrbarer Staat? Update 2025 der Generationenbilanz – Rentengratifikation, Sozialstaatsexpansion, Schuldenanstieg
Publikation