Tagung, 05.02.2020, Hessische Landesvertretung

Die Zukunft des Euro – Bewährt sich die Gemeinschaftswährung

Bei den 7. Berliner Gesprächen zum Finanzplatz, einer gemeinsamen Veranstaltung der Hessischen Landesvertretung und der Stiftung Marktwirtschaft, sprach der Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB) Philip R. Lane am 5. Februar 2020 über „Die Zukunft des Euro – Bewährt sich die Gemeinschaftswährung?“. Lane betonte, dass es wichtig sei, die 20-jährige Geschichte des Euro richtig einzuordnen, bevor man über dessen Zukunft sprechen könne: der Aufstieg Chinas, die Transformationen in Zentral- und Osteuropa, technologische Innovationen, Globalisierung und starke Schwankungen bei Ölpreis und Dollar. Solche strukturellen Veränderungen stellten für jedes Geldsystem eine Herausforderung dar, so dass die eigentliche Frage sei, ob der Euro die Folgen verstärkt oder zu deren Bewältigung beigetragen habe. Vor diesem Hintergrund unterschied der EZB-Chefvolkswirt drei Phasen seit der Einführung des Euros bis heute:

Die erste Phase zwischen 1999 und 2007 sei geprägt gewesen durch wachsende ökonomische Unterschiede zwischen den Euroländern, Exzessen auf Kredit- und Immobilienmärkten sowie außenwirtschaftliche Ungleichgewichte. Für die Zukunft des Euros sei es wichtig, aus den vielen Fehlern, die in dieser Zeit gemacht wurden, zu lernen. Dies gelte vor allem hinsichtlich Bankenaufsicht und -regulierung, wo laut Lane bereits große Fortschritte erzielt wurden.

Die zweite Phase des Euros (2007 - 2013) sei mit dem Überschwappen der globalen Finanzkrise nach Europa eingeläutet worden, an die sich ab 2010 unmittelbar die europäische Schuldenkrise anschloss. Der Volkswirt und ehemalige Präsident der Irischen Notenbank betonte, dass die Volkswirtschaften der Eurozone noch dabei seien, sich von diesen Krisen zu erholen und einige das Vorkrisenniveau (den Normalzustand) noch immer nicht erreicht hätten. Die Essenz des umfangreichen Krisenmanagements und der zahlreichen Reformen in dieser Zeit sei gewesen, dass man sich nicht allein auf Geldpolitik verlassen könne, sondern makroprudenzielle Maßnahmen und eine Verbesserung der finanz- und wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen notwendig seien.

Die dritte Phase des Euros hätte 2014 mit der unkonventionellen Geldpolitik, inklusive der mancherorts umstrittenen Negativzinspolitik, der EZB begonnen, die nach Lanes Überzeugung erfolgreich gewesen sei. Es habe in der Eurozone einen nachhaltigen Wirtschaftsaufschwung gegeben und die Arbeitslosigkeit in der Eurozone sei sechs Jahre später von durchschnittlich 12% auf 7,4% gesunken. Er zeigte sich in der späteren Diskussion optimistisch, dass die Zinsen im Vergleich zu heute wieder steigen würden, wobei er davon ausgehe, dass die Zinswelt des „New Normal“ zwar auf positive, aber niedrige Zinsen hinauslaufen werde. In guten Zeiten rechne er mit 2% oder 3% Zinsen, wie interne Schätzungen der EZB nahelegten. Derzeit gehe es vor allem darum, das Problem einer langanhaltend zu geringen Inflation zu lösen, die deutlich vom EZB-Inflationsziel abweiche.

Insgesamt sei noch viel zu tun: Die Bankenunion (inkl. eines europäischen Einlageversicherungssystems) müsse vervollständigt und von einer Kapitalmarktunion flankiert werden, um die Abhängigkeiten der Unternehmen von Banken zu verringern. Auch bezüglich der finanzpolitischen Rahmenbedingungen gäbe es Verbesserungsbedarf, da die Regulierungen den einen zu locker und den anderen zu rigide seien. Zudem müsse stärker über die internationale Rolle und Stärke des Euros nachgedacht werden.

Der Ökonom schloss seinen Vortrag mit den Herausforderungen, denen sich die EZB heute stellen müsste: demografischer Wandel, Produktivitätsrückgänge, Verhaltensänderungen auf den Finanzmärkten und Globalisierung. Dabei sei zu berücksichtigen, dass jede Politikmaßnahme Nebeneffekte auf das Finanzsystem, Beschäftigung und die Umwelt habe. Vor diesem Hintergrund habe die EZB mit einer Überprüfung ihrer geldpolitischen Strategie begonnen, die sie noch in diesem Jahr abschließen wolle.

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